
Bildnachweis: Cover vom Match – 26. April 1975 – Match
(K)eine Frau für die Küche
Warum, fragt man sich als Simenon-Kenner, haben die Journalist:innen diesen Elfmeter nicht verwandelt? In einer »Match«-Ausgabe waren sowohl Josephine Baker als auch Simenon vertreten – ohne Verbindung zueinander. Beide hatten zahlreiche Kontakte zu prominenten Zeitgenossen, genug Schreibstoff also. Zudem lag bei Simenon ein dominierendes Thema vor. Bei Baker ebenso.
Das Thema Josephine Baker stand in Sachen Umfang zweifellos an erster Stelle. Sie hatte ihren »Auftritt« erst in der Mitte der Zeitschrift, dafür aber auf einer längeren, reichlich bebilderten Strecke. Das Multitalent aus St. Louis hatte sich in den Jahrzehnten zuvor in die Herzen der Franzosen getanzt, gesungen und geschauspielert. Gekämpft, könnte man noch hinzufügen, schließlich war sie Teil der Résistance und lange Zeit auch sozial sehr engagiert. Was ihre Bedeutung und Stellung in Frankreich anging, war sie der absolute Star.
Zwei Wochen zuvor war sie gestorben, nachdem ein paar Tage vor ihrem Tod noch einer Revue beigewohnte, in der ihr Leben gefeiert wurde und die große Aufmerksamkeit erhalten hatte.
Kein Simenon
Simenon dagegen? Seine Aussage, dass er sich den Armen näher fühlte als den Reichen, wie er in den »Intimen Memoiren« meinte, spiegelte sich in seinem Werk wider. Aber es scheint so zu sein, dass er als reicher belgischer Ruheständler in der Schweiz wahrgenommen wurde, über dessen soziales Engagement – nehmen wir einmal die Organisation der Unterstützung belgischer Flüchtlinge zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in La Rochelle aus – verschwindend wenig bekannt war. Vielleicht deshalb, weil er sich in der Hinsicht nicht hervortrat?
Und wie gesagt – in dem biografischen Artikel über Josephine Baker fand sich kein einziger Hinweis zu Simenon und man kann nicht sagen, dass in dem Beitrag mit Namen gegeizt worden wäre. Als da wären:
Jean Cocteau: Französischer Schriftsteller, Dichter, Maler und Filmemacher, bekannt für seine avantgardistischen Werke. Er bewunderte Josephine Baker und beschrieb sie als »lebendiges Gedicht« in ihrem »wundervollen Federkleid aus Licht«.
Maurice Utrillo: Ein französischer Maler, bekannt für seine Stadtlandschaften, insbesondere von Paris. Er war eine markante Figur der Pariser Kunstszene.
Henry de Montherlant: Französischer Schriftsteller und Dramatiker, bekannt für seine Werke, die häufig das Thema männlicher Kameradschaft und Ehre behandeln.
André Gide: Ein bedeutender französischer Autor, der 1947 den Nobelpreis für Literatur gewann. Seine Romane oft erforschten moralische und philosophische Themen.
Pablo Picasso: Einer der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine bedeutende Rolle in der Entwicklung der modernen Kunst und als Mitbegründer des Kubismus.
Paul Morand: Französischer Autor und Diplomat, der für seine Reisebeschreibungen und Romane bekannt ist.
Blaise Cendrars: Schweizer Schriftsteller und Poet, bekannt für seine dynamische und innovative Poesie und Prosa.
Jean Giraudoux: Ein französischer Dramatiker und Schriftsteller, bekannt für seine lyrischen und stilistisch reichen Theaterstücke.
Marcel Achard: Französischer Dramatiker und Drehbuchautor, bekannt für seine Komödien und seine Zusammenarbeit mit renommierten französischen Filmemachern.
André Davenne: Ein künstlerischer Direktor, der im Text erwähnt wird, weil er maßgeblich dazu beitrug, die »Revue negre« mit Josephine Baker zu realisieren.
Fernand Léger: Ein französischer Maler, bekannt für seine kubistischen Werke und seine Beiträge zur modernen Kunst. Er spielte eine Rolle bei der Einführung der »Revue negre«.
Miguel Covarrubias: Ein mexikanischer Maler, der Freunde in Harlem hatte und André Davenne half, schwarze Künstler nach Paris zu bringen.
Sydney Bechet: Ein amerikanischer Jazzmusiker, der eine bedeutende Rolle in der Jazzgeschichte spielt. Sein Saxophon-Spiel wird in dem Artikel als Teil der triumphalen Performance von Josephine Baker in Paris erwähnt.
Walter Winchell: Ein prominenter amerikanischer Journalist und Radioreporter, bekannt für seinen Klatsch und seine Einflussnahme in der Medienlandschaft seiner Zeit.
Jean-Claude Brialy: Ein französischer Schauspieler und Regisseur, der Josephine Baker eine neue Karrierechance eröffnete, indem er sie einlud, in seinem Pariser Kabarett »La Goulue« aufzutreten.
Prinz Rainier von Monaco: Der Fürst von Monaco, der Josephine Baker zu einem Auftritt nach Monte-Carlo einlud und ihr half, eine Villa über das Rote Kreuz zu finden.
Valéry Giscard d'Estaing: Französischer Präsident, der Josephine Baker seine besten Wünsche zu ihrem 50-jährigen Bühnenjubiläum übermittelte.
Ist also nicht gerade so, dass an der Nennung von Künstlern insbesondere Schriftstellern gespart wurde.
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Ein Exkurs in die Geschichte der Küche

Artikel über Simenon und (Madame) Maigrets Küche
Bildnachweis: Match
Mit der Küche Maigrets wird in dieser Ausgabe der »Match« quasi eingestiegen. Eine ganze Seite mit einem Simenon, wie er an einem Küchentisch seht, hinter sich eine Menge Utensilien, die für das Kochen benötigt werden. In der Bildunterschrift ist zu lesen, er würde in seinem »Küchenlabor« stehen – eine neue Facette unseres Schriftstellers?
Der Artikel selbst nimmt uns mit in eine typische Szene, wie sie von Simenon beschrieben worden ist und wie man sie sich leicht auch vorstellen kann: Maigret kommt nach Hause, geht in die Küche und sieht seine Frau kochen. Die Gerüche, die aus den Töpfen strömen, nimmt er mit Wohlgefallen nach. Poulet bonne femme gibt es demnach, einen Schmortopf mit Hühnchen. Einen kleinen Augenblick noch, wie kommen darauf zurück.
In dem Beitrag steht:
Georges Simenon, der geistige Vater von Maigret, behauptete: »Die Küche, von der man heute spricht, ist eine Fantasieküche, die besser zu aufblasbaren Plastikmöbeln passt als zu einem guten und soliden Esszimmer.«
Denn Madame Maigret ist er, wie Madame Bovary Flaubert war.
Von welcher Küche wurde denn an der Stelle gesprochen? Gesagt wird es nicht, aber es ist davon auszugehen, dass es sich um die Nouvelle Cuisine handelte, die Simenon hier en passant verdammte. Wobei der Begriff schon eine Täuschung ist, denn die Art und Weise, wie Speisen zubereitet wurden, hat sich selbst in dem Frankreich, wie wir es kennen, mehrmals fundamental geändert.
Hätte es keine Veränderung gegeben – und das gilt für jede europäische Küche, nicht nur die französische – äßen wir noch wie im Mittelalter. Also das Fleisch wäre warm. Und wenn es reichlich auf den Tisch kam, dann war man wohl wohlhabend. Der französische Adel mochte sich damit nicht abfinden, und an den Höfen entwickelte sich eine andere Küche. Genannt wurde diese damals Haute Cuisine. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass hochwertige Lebensmittel verwendet wurden. Bisher wurde stumpf mit irgendwelchen Gewürzen hantiert, Pfeffer war wirklich wichtig, andere orientalische Aromen ebenso.
In der »neuen Küche« wurden Kräuter aus dem eigenen Land wichtig, und Butter. Die Haute Cuisine ist die Mutter der fetten Soßen. Wichtig war immer noch reichlich und exquisit. Das Essen wurde aufgetragen und jeder nahm sich, was er wollte. Rezepte wurden aber gerade anfangs noch mündlich übertragen, Kochbücher wurden erst später Mode.
Da die Küche sich mit dem 14. Jahrhundert etablierte und als hohe Kunst im 17. Jahrhundert beschrieben wird, darf man davon ausgehen, dass es auch andere Tendenzen gab. Ansonsten hätte es ein Begriff wie Nouvelle Cuisine nicht in ein Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert geschafft.
Die guten Köche hatten nach der Französischen Revolution ein Problem: Ihre Klientel war kopflos und wenn sie das nicht wahr, hatte sie oft finanzielle Schwierigkeiten. In der Zeit entstanden Restaurants, in der die Tradition fortlebte, aber für eine breitere Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit: »für die breite Gesellschaft«). Um 1820 herum entwickelte sich eine neue Küche – die Grande Cuisine. Die Köche gingen anders an ihr Geschäft. Einerseits fand eine Verfeinerung statt, andererseits gab es eine kleine »Industrialisierung«: Marie-Antoine Carême, ein bedeutender Vertreter der neuen französischen Küche, etablierte klare Hierarchien in der Küche und strukturierte Rezepte und die Speisenfolge. Mit dem neuen Stil wurde Wert auf Ausgewogenheit, harmonische Aromen und elegante Präsentation gelegt. Die Idee von der »Kunst auf dem Teller«, bei der auch die visuelle Aspekte eine große Rolle spielt, war geboren worden.
Um die Angelegenheit ein wenig zu verkomplizieren – das lieben wir ja – entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine neue Haute Cuisine. Diese basierte auf der Grande Cousine, der Fokus lag jedoch auf der Qualität der Zutaten, innovativen Techniken und ästhetischer Präsentation. Die Gerichte sind kunstvoll und komplex. Reden wir heute also von der hohen Küche, so meinen wir nicht die opulenten Male in den Adelshäusern, wie sie die französischen Könige liebten.
Mit der bürgerlichen und regionalen Cuisine, wie sie von Madame Maigret gepflegt wurde und wie sie Maigret bei seinen Restaurant-Besuchen genoss, hat das alles rein gar nichts zu tun. Dass diese Küche die gehobenere beeinflusst(e), steht außer Zweifel. Andersherum ist das eher zweifelhaft.
Schon wieder neu
Nouvelle Cuisine ist also ein nettes Schlagwort, aber es war wahrlich nicht die erste Neuerung in der französischen Art zu kochen. Und auch bei dieser »Revolution« reden wir nicht davon, dass sich die bürgerliche Küche geändert hätte. Dieser neue Stil hatte Einfluss auf die gehobene, auf die Köche, die in einer anderen Liga kochten.
Eine Änderung in den Gewohnheiten in der professionellen Küche begann mit den 1950er-/1960er-Jahren. Ein Schlagwort wurde es aber erst mit dem kommenden Jahrzehnt. Nachdem Krieg begann eine Zeit des Überflusses in Frankreich. Hunger war kein Thema mehr. Andere Aspekte wurden wichtig: Leicht sollte die Küche sein, die Menschen achteten auf Gesundheit und viele auch auf ihr Gewicht. Diäten wurden ein wichtiges Thema. Die Haute Cuisine passte nicht in die Zeit.
Einer, der das erkannte, war Fernand Point, der dazu auch ein Buch verfasste. Point verstarb jedoch, bevor die neue Art von Küche ein Trend wurde. Paul Bocuse war jemand, der aus seinem Stall stammte und später ein Gesicht der Nouvelle Cuisine werden sollte.
Henri Gault und Christian Millau, zwei Restaurantkritiker, deren Namen man von dem gleichnamigen Gastro-Führer kennen sollte, machten die neue Art zu kochen weithin bekannt. Sie definierten auch die Regeln, denen sich die Küche unterwerfen sollte. Zehn Gebote sollten es werden, und hier sollen kurz die herausgehoben werden, von denen sich die Haute Cuisine definitiv unterschied:
- Du sollst nichts zu lange kochen.
- Du sollst deine Karte leichter machen.
- Du sollst jedoch danach suchen, was neue Techniken bringen.
- Du sollst schwere Soßen beseitigen.
- Du sollst erfinderisch sein.
Das Problem mit der gehobenen Küche der damaligen Zeit, dass sie als verstaubt galt. Eine Entwicklung schien nicht mehr stattzufinden. Ein Punkt aus den Regeln, der hier nicht aufgeführt wurde, ist der, dass man nicht zwanghaft modernistisch sein sollte.
Was also störte Simenon an der neuen Küche? Die fünf oberen Punkte. Sie zielten auf die Haute Cuisine ab. Übertragen auf die bürgerliche Küche einer Madame Maigret kann man aber feststellen, dass diese die Kriterien nicht erfüllt hätte. Sie hatte keine Zeit, erfinderisch zu sein. Und auf den Punkt kochen, war bei einem Mann, von dem man nicht wusste, wann er nach Hause kam, gewiss keine gute Idee. Und ein Maigret – offenbar auch ein Simenon – hatte einen Hang zu schweren Soßen.
Der springende Punkt ist, dass die Nouvelle Cuisine nie beabsichtigt hat, die Kochweise zu revolutionieren, wie sie in heimischen Küchen und in gewöhnlichen Gasthäusern praktiziert wurde.
In Erinnerung bleibt, dass man diese Art der Küche mit der Frage verband, ob man denn mit dem Essen schon fertig wäre, wenn der Teller auf den Tisch kam. Das war eine humorvolle Übertreibung. Wenn der spezifische Stil der Nouvelle Cuisine heute nicht so dominant erscheint wie in ihrer Blütezeit, bleiben die mit ihr verbundenen Prinzipien und ihr Einfluss auf die moderne, gehobene Küche stark und sichtbar.
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Der Artikel wurde herausgegeben, als ein alter Freund Simenons – Robert J. Courtine – ein Kochbuch über die Küchenvorlieben der Maigrets herausgab. Courtine meinte die Küche wiederentdeckt zu haben:
Mit anderen Worten: die bürgerliche Küche gegen die raffinierte Küche.
Louise Maigret wird in dem Text über das Kochbuch und deren Rezepte als Verkörperung der klassischen französischen Hausfrau dargestellt, die mit einfachen und authentischen Gerichten kocht, die über Generationen hinweg überliefert wurden. Diese Küche wird als Symbol für Beständigkeit und kulturelle Verwurzelung wahrgenommen.
Im Raum steht die Behauptung, dass die Gerüche bürgerlichen Gerichte für Maigret oft der Schlüssel zur Lösung von Rätseln gewesen wäre.
Wie schon erwähnt, wird ein Vergleich zwischen der einfachen, ländlichen Küche und der raffinierten, »verfälschten« Cuisine der feinen Restaurants gezogen. Demnach wäre die traditionelle die »wahre« Küche. Und nach Courtine brächten sowohl die Haute Cuisine wie natürlich auch die Nouvelle Cuisine nur »unwahre« Gerichte hervor, die zwar kunstvoll, aber nicht bodenständig sind.
Insgesamt bietet der Text eine Betrachtung der kulturellen, sozialen und persönlichen Implikationen der Kochkunst in Simenons Maigrets und verwendet dabei die Figur der Madame Maigret, um die Werte der Einfachheit, der handwerklichen Tradition und der familiären Fürsorge zu feiern.
Dem Artikel nach meinte Simenon:
Das erste Prinzip, das mir beigebracht wurde, lässt sich einfach formulieren: Wer nicht arbeitet, hat kein Recht auf sein tägliches Brot. Ich habe den Geist der kleinen Leute bewahrt, ob ich es will oder nicht.
Die »kleinen Leute« sind nicht die Armen und Bedürftigen. Meistens ist damit die breite Masse gemeint, die nicht vom Staat oder Wohlfahrtsinstitutionen alimentiert werden muss.
Und da wären wir wieder beim Unterschied zwischen Josephine Baker und Georges Simenon.